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Pius XI.

Ein Tag der Superlative

Trotz dem unsäglichen Datum gestern und dem Aberglauben des Skippers haben wir gestern die fehlenden 20 Meilen nach Nord in den Seno Eyre in Angriff genommen und gemeistert. Nicht ohne ein unterschwelliges, komisches Gefühl zu haben, eine Anspannung, ob nicht doch noch irgendwas Schlimmes passieren könnte. Es regnet in Strömen als wir endlich den Gletscher erblicken, ein grau-weißes Ungetüm in einer grauen Wolkenwand. Irgendwie sind alle enttäuscht, wirklich zugeben mag es aber keiner und so grummelt jeder vor sich hin, bis der Tag endlich vorbei ist.

Der Blick auf den Wetterbericht am Morgen zeigt für die kommenden Tage dicke Regengebiete, ein Tief, das morgen Abend über uns hinweg ziehen wird und für heute ab mittags einen Luftdruck von 1010 hp. Das könnte unsere Chance für ein wenig Sonnenschein am Gletscher sein. Also Anker auf nach dem Frühstück und die restlichen vier Meilen bis zur Gletscherkante motoren. Noch kommen dicke Regenwolken aus West, doch immer wieder zeigt sich ein winziges Stückchen Blau. Der Ventisquiero Pio XI. hat eine Gletscherkante, die mit 50 Metern Höhe und fast 5 km Breite eine der gewaltigsten von Patagonien ist. Das Eis leuchtet schon ohne Sonne in unwirklichem Blau, wir werfen den Anker, vielleicht 100 Meter von der Kante entfernt und bereiten alles für unsere geplante Fotosession vor. Deck aufräumen, Kameras laden, Speicherkarten leeren, das Dinghi ziehen wir schon seit heute morgen hinter uns her. Wir haben Glück, keine 10 Minuten später reißt der Himmel auf, Lena und ich bewaffnen uns mit allem, was Bilder macht, und ziehen mit dem Dinghi los, Micha und Maya setzen Segeln und drehen Runden vor der atemberaubenden Kulisse. Immer wieder brechen große Brocken ab und stürzen mit lautem Getöse ins Wasser. Immer näher segelt Micha die Lady an die Eiswand. „Hey, komm mal her, wir stecken fest“ höre ich ihn plötzlich rufen. Der Grund ist in dem milchig-grauen Wasser nicht zu sehen, die Lady mit dem Kiel im Steinschlamm steckengeblieben. Mit dem Dinghi docken wir am Heck an und schieben, der Außenborder röhrt, nichts bewegt sich, doch, jetzt, langsam gleitet die Lady zurück ins tiefe Wasser.

Crewwechsel, Lena und ich übernehmen die Pinne, Micha und Maya dürfen nebst Fotoausrüstung ins Dinghi. Mit gebührendem Abstand steuere ich unser Schiff am Fuße dieses tiefen Blaus, immer wieder ändert sich das Licht, das Wolkenspiel, der Himmel, man kann sich nicht sattsehen an diesem Schauspiel der Natur. Ein Regenguss beendet unseren Fotowahn, wir richten den Bug zurück Richtung Ankerplatz, doch irgendwie können wir uns noch nicht trennen. „Du, wir haben noch nicht das Foto aus dem Mast von der Lady im Eis gemacht!“ „Nee, stimmt, komm wir ankern noch mal und machen Mittagspause.“ Selten haben Spaghetti mit Thunfischsoße und Kapern so gut geschmeckt wie hier. Ein gewaltiges Krachen lässt alle ins Cockpit stürzen. Zweimal hintereinander kalbt der Gletscher, entlässt Unmengen an Eisbrocken in das ohnehin schon kalte Wasser. Da ist es, unser Eiswürfelbad für die Lady, denke ich, das Warten hat sich gelohnt. Auch die Sonne ist zurück, erneut nähern wir uns dem Eis, diesmal im östlichen Teil der Kante, den hier sammelt sich bei dem vorherrschenden Westwind das Eis. Ich muss zugeben, dass ich nach unserem Steckenbleiben am Vormittag gehörigen Schiss davor habe, dass das erneut passiert und nerve vermutlich meine Mitmenschen mit Ausrufen wie „Vorsicht!“ „Was sagt das Echolot?“ oder „Pass auf ein Eisberg!“, als würde Micha nicht schon vorsichtig und langsam genug Zentimeter um Zentimeter in die schwimmenden Eiswürfel hineinfahren. Das Geräusch der schmelzenden, aneinander titschenden Bröckchen ist unglaublich, es knistert, prasselt und klackert. Nachdem ich mich noch zehnmal vergewissert habe, dass wir 14 m Wassertiefe unter uns haben, darf Micha in den Mast, mein erster Versuch ging nur bis zur Saling, blöde Höhenangst. Micha ist mutiger, dafür bin ich auf den Fotos, hat eben alles seine guten und schlechten Seiten. Wir fischen Eiswürfel aus dem Wasser und servieren den verdienten Gletscherdrink, als wir nach sechs Stunden Pius dem elften den Rücken kehren und raumschots unter Segeln ins unsere sichere Ankerbucht verholen.

Doch das Leinenmanöver soll noch nicht das Ende dieses großartigen Tages sein, drei Delfine tauchen in der Caleta Sally auf und fordern vehement zum Wettrennen heraus. So schnell habe ich die Kinder schon lange nicht mehr ihre Schwimmwesten anziehen sehen. Innerhalb von Sekunden sind alle im Dinghi und los geht es. Runde um Runde fahren wir durch die Bucht, die Delfine am Bug, am Heck, längsseits, Saltos springend und prustend. Was für ein Tag. Wir schämen uns fast ein bisschen, weil wir gestern so geschimpft haben. Dafür ist uns jetzt allen wieder bewusst, was der Lohn für all die hart erkämpften Meilen sein kann, Endorphinrausch pur. Draußen regnet es wieder in Strömen, doch das ist uns heute allen egal.






  • 19:38:00
  • 14.04.2012
  • 49°13.5455'S, 074°05.0500'W
  • Anchor / Landline
  • Caleta Sally / Chile
  • Puerto Eden / Chile
  • 8°/ 1010 hpa
  • 15kn, NW
  • -m

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