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Kontraste

Immer wieder sonntags

Während Europa zur Wahl geht versuchen wir ein weiteres Mal, uns mit der jamaikanischen Kultur anzufreunden. Es gelingt mir nicht immer, muss ich zugeben. Zu fordernd, zu laut, zu reduziert auf die harte Währung US-Dollar verlaufen die meisten Gespräche. Dennis in seinem gelben Autovermietungs-Shirt übergibt uns um punkt neun den Schlüssel zu vier japanischen Rädern, Schwimmsachen eingepackt und los geht es.

Lonely Planet und Google Maps streiten sich über richtigen Weg zu unserem Ziel, den Mayfield Falls. Der Lonely Planet gewinnt und beweist, dass gedrucktes Papier manchmal eben doch besser ist, als Infos aus dem Netz. Andererseits ist es nicht verwunderlich, dass die Straße nicht angezeigt wird, denn den Namen Straße verdient der Weg mitnichten. Selbst Schotterstraße wäre noch geschönt. Dafür ist es grün, rechts und links und über uns. Nur selten kommt uns ein Auto entgegen, immer tiefer geht es in das hügelige Hinterland. Menschen pilgern zur Kirche, ältere Herren mit Krawatte, zugeknöpftem Hemd und Bibel unter dem Arm, alte Damen mit Hut und Kostüm, Kinder mit bunten Schleifen im Haar und viele Frauen in Taft, Satin und Netzstrumpfhose. Flip-Flops an den Füßen, die Plateauschuhe in der Hand. Diese Straßen sind weder für Mietwagen, noch für High-Heels gemacht.

Zwei Stunden später haben wir es geschafft. Auf den letzten 2 Kilometern fährt ein Local selbstlos mit dem Motorrad vor uns her – und verlangt bei der Ankunft ein angemessenes Trinkgeld. Das fängt ja gut an. Und geht so weiter. Die Eintrittspreise für das Erlebnis Wasserfall sind Anfang des Jahres verdoppelt worden und lassen eine 5-köpfige Fahrtenseglerfamilie heftig schlucken. Noch nie haben wir soviel Geld für einen Wasserfall bezahlt, dazu bekommen die Guides, ohne die man nicht rein darf, ein Trinkgeld je nach Geldbeutel. Doch es gibt kaum Alternativen hier auf Jamaica. Jeder zugängliche Wasserfall, jeder Wanderweg am Bach entlang kostet Geld. Zu dicht ist der Wald, zu wenig erschlossen für eigene Erkundungen.

Zähneknirschend zücken wir unsere Scheine und folgen Shaun und Nico zum Fluss. Die Mayfield Falls gewinnen keine Rekorde. Sie sind weder hoch, noch steil, noch besonders gewaltig, aber es sind viele. Mehr Stromschnellen als Wasserfälle. Der Weg führt nicht zu den Fällen, sondern durch und über die Fälle. Der Weg ist das Ziel, im wahrsten Sinne des Wortes. Wir waten und klettern durch das Flussbett und mit jedem Sprung ins kalte Wasser ist ein weiterer Dollarschein vergessen. Es gibt Tunnel zum Durchtauchen, Wasservorhänge mit versteckten Höhlen, Sprudelbecken, Felsrutschen und einen 4 Meter hohen Baum zum Runterspringen. „Willst Du auch mal gucken, Lena?“ fragt Micha, und kaum ist die Kleinste oben angekommen, ist sie auch schon runtergesprungen. Ich trau mich natürlich nicht, war ja klar. Ein bisschen nervös werden unsere Guides nach einer Weile, denn die Kinder haben mehr Spaß und Ausdauer, als so mach anderer Gast und wo andere zweimal ins Wasser hüpfen, springen unsere 10mal. Knapp 90 Minuten soll die Tour dauern, wir liegen jetzt schon weit drüber. Am Ende haben die Mädels blaue Lippen und schlottern mit den Armen, eine kurze Wanderung durch den feucht-warmen tropischen Wald heizt wieder auf.

Genug Geld hier gelassen, wir ziehen weiter, auf der Suche nach einer kleinen Suppenküche in irgendeinem Bergdorf. Der nächste Ort hat eine parat, dicke Mamas im Sonntagsstaat rühren vor einem Haus in großen Töpfen. Das halbe Dorf ist versammelt, verspeist Huhn mit Reis und Bohnen. Wir kurbeln das Fenster runter. „Können wir hier etwas zu Essen kaufen?“ „Nein, ihr könnt hier nichts kaufen, aber ihr könnt etwas essen! Kommt, steigt aus, ich besorge Euch was.“ Clinton ist vielleicht 60 und hat ein paar Jahre auf den Caymans gearbeitet. Mit Kürbissuppe und Hühnerbeinen in der Hand stehen wir zwischen den Einheimischen und plauschen. „Was ist denn eigentlich der Grund für die Feier?“ frage ich. „Eine Beerdigung!“ grinst Clinton. „Aber macht Euch keine Sorgen, Beerdigungen sind hier fröhliche Feste. Wir kommen alle schon am Abend vorher zusammen, trinken und feiern, heute Morgen war der Gottesdienst und jetzt wird gegessen. Alle sind eingeladen, auch ihr.“

Kontraste. Mein Verhältnis zu Jamaica ist so indifferent wie vorher. Abends sitzen Micha und ich auf dem Mäuerchen am öffentlichen Strand zwischen den Locals. Es wird gelacht, erzählt, die Kinder rennen noch im Dunkeln durch den Sand. Eine schöne Atmosphäre und tatsächlich fast eine Auszeit vom Kommerz. Bis auf das Geld für Scratchy’s Glas Rum, damit er mit uns anstoßen kann. Zum Abschied nimmt umarmt unser neuer Freund mich herzlich. „Come back tomorrow, Miss Nathalie, and don’t forget the money for the rum!“



  • 16:49
  • 25.05.2014
  • 18°27.7200'N, 77°56.5400’W
  • 0°/0kn
  • Jamaica / Montego Bay
  • Azoren / Atlantik
  • 29°
  • E/8kn
  • -m

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