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IRON LADY on Legerwall

Abgeborgen

Wir haben einen so genialen Schlag von Knysna nach Cape Town gehabt, so wunderschön. Das Meer hat mich zurück, alles hat sich gelohnt um endlich wieder den Horizont zu sehen, statt Straßenschluchten, die Vögel, die Fische, die Sonne und die Aber- und Abermillionen Sterne über dem Himmel auf See. Wie konnte ich nur vergessen wo ich hingehöre? Ich sitze am Bug der LADY, die mit sieben Knoten durchs Wasser gen Westen gleitet und lasse meine Füße über die Bordwand hängen, die Arme auf die Reling gestützt und auf der anderen Seite meines Views zieht das Kap der guten Hoffnung langsam vorbei. „Wie lange hat es gebraucht um dieses verdammte Kap endlich zu umrunden und den Atlantic wieder zu erreichen?“, murmele ich mir in meinen Dreitagesbart und schließe langsam die Augen um das Rauschen des Wassers am Bug der LADY abzuspeichern in meiner Erinnerung. „Klick. Safe. Kann mir keiner mehr wegnehmen.“ Mit der Faust haue ich auf das Deck der LADY.

“Was haben so tiefgreifende Gedanken im Logbuch zu suchen?“, werde ich bestimmt wieder ein Mail bekommen. Doch das ist einfach nicht alles was heute passiert ist. Zum ersten Mal in meinem Skipperleben habe ich ernsthaft Angst gehabt mein Boot zu verlieren! Nachdem das Gefühlspendel so weit in die positive und schöne Richtung gependelt hat, kommt es gleichermaßen tonnenschwer zurück.

Wer will schon in den dreckigen Yachtclub von Capetown, neben Erdölplattformen, die gerade gesandstrahlt werden? Also steht die Entscheidung in nach Hout Baai einzulaufen. Es dämmert als wir an der Bucht stehen und wir laufen ab vor Top und Takel mit 6 Knoten, 40 Knoten plus von hinten. „Ja, wir haben Platz. Kein Problem, aber es ist sehr windig in der Bucht“, meint der Manager des Yachtclubs. „O.K. Jungs wir fahren da rein.“ Ich übernehme das Steuer und los geht der Teufelsritt. So etwas hat noch keiner von uns gesehen. Von den Bergen runter kommen Fallwinde mit 60-70 Knoten, dass der Mast der LADY ohne Segel 30-40° geneigt ist, wenn die Böen uns packen. Die LADY wird unsteuerbar, der Motor richtet gar nichts mehr aus und Mutter Natur zeigt uns mal wieder wo der Hase läuft.

Mit dem Blick auf die Karte entscheide ich (falsche Entscheidung!!!) in die Bucht einzulaufen und Anker auf 15 Meter fallen zu lassen. Die Hafenbeleuchtung kann ich nicht finden. „Ich hab 100 Meter Kette und einen Bügelanker. Im Notfall gehen wir vor Anker und warten den Morgen ab. So haben wir das immer gemacht“, pruste ich mir selbst vor. Die Fallwinder der Hout Baai, zeigen mir, wie falsch man liegen kann. Der Anker greift erst, aber die orkanartigen Fallwinde legen die LADY immer wieder quer und im 90° Winkel, 30 Grad geneigt zieht die LADY ihren eigenen Anker weg. Durch die Bucht, wie man am Tracking sehen kann. „Ich piss mir in die Hose! Fuck!“, ich stehe fluchend auf dem Bug der LADY, meine Crew tut ihr Bestes um nicht aus dem Cockpit zu fliegen und Thomas, steht meisterhaft am Ruder und versucht die LADY in den richtigen Winkel zum Wind zu bekommen. „MAYDAY, MAYDAY“, schreie ich in VHF, aber keiner antwortet. Das Telefon der Marina ist nicht mehr besetzt. Meine letzte Rettung, wie immer eine Frau! „Anna, this is Mikel from IRON LADY.“ „How is it? How is Knysna,“ die über siebzigjährige Seglerin, das Idol einer Seglerin schlechthin, fit wie nen Turnschuh und hübsch dazu denkt ich wäre in Knysna. „Anna, i am 50 Meter in front of the Hout Baai harbour entrance, my anchor slips, IRON LADY is going to beach! 4 People on board. No hurts. I need to be tugged in NOW!“ Einen Moment Ruhe. „Fuck, Mikel. I see you mast head light. You are on the beach! I will organize help immediately!“

Glück im Unglück

Kurz vor dem Strand, keine 10 Meter! hält der Anker plötzlich. Hinter der LADY stehen zwei Autos und blinken wild. Retter? Vier Meter Wassertiefe! Die Orkanböen peitschen die Wellenberge über den Bugkorb der LADY. Ich bin klatschnass, mit dem VHF in der Hand. Immer wieder brechen sich die zwei bis drei Meter hohen Wellen über dem Bugkorb der Lady, lassen das Schiff auf und ab tanzen wie ein Pferd in Panik. Doch ich bin nicht panisch und auch nicht meine Crew. Plötzlich weiß ich, dass der Anker hält, ich kenne den Druck auf der Kette, der hat sich endgültig eingegraben, genau an der Stelle wo durch die Wellen bei Starkwind der Boden plötzlich von 10 auf fünf Meter ansteigt. An der Stelle wo die ständige Brandung unter Wasser quasi eine Stufe schafft, die der Anker nicht nach oben rutschen kann. „I am a lucky guy!“ Ohne Frage, wir liegen keine 100 Meter vor der Hafeneinfahrt. Die Einfahrt ist nicht beleuchtet. Rotes und Weißes Navigationsfeuer fehlen. Es ist stockduster, die Gischt macht eine Sichtnavigation unmöglich. „Ruhig Michael.“ Die Situation gibt mir Zeit nachzudenken, „Mit eigener Kraft schaffen wir das nicht in den dunklen Hafen“, es erinnert mich an fast die gleiche Situation, die ich mit Natale vor über 10 Jahren vor der Insel Vlieland hatten, wo wir durch die kaputten Hafenlichter in arge Bedrängnis geraten sind. Mit einem Unterschied: zum ersten Mal in meinem Skipperleben komme ich aus der Situation jetzt nicht vor dem nächsten Morgen raus, wenn der Wind hoffentlich nachlässt. Problem ist die ablaufende Tide, die uns wirklich nur eine Handbreit Wasser unter dem Kiel lassen wird. Doch das Problem löst sich von ganz alleine.

Zisssssch! Die erste rote Rakete steigt am Nachthimmel auf und zwei kleine Rescueboote kommen aus der unbeleuchteten Hafeneinfahrt geschossen. Die Wellen lassen die Boote tanzen wie wild. „Na, ob die nicht nen bisschen klein sind?“ Ich werde ruhig, ganz ruhig. Schwupps ist ein Rettungsschwimmer an Bord und schreit mich gegen den Wind an. Das übliche, wie beim RYA gelernt. Personen an Board, Verletzte, Analyse der Situation. Wir sollen alle das Boot verlassen und an den Strand schwimmen. „Never, I will do that. Nobody is hurt, we need to be tugged in that fucking harbour!“, schreie ich den Zwanzigjährigen an. Der erkennt schnell, dass da nix zu machen ist und die Situation an sich auch nicht so schlimm ist, wie sie erscheint. Per Funk sprechen sich die Einsatzleiter ab, was allerdings bei dem Wetter als äußerst schwierig erweist. Eine unabhängige Rettungsschwimmereinheit von Land versucht meine Crew von dem abendlichen Bad zu überzeugen. Ebenfalls erfolglos. Wäre ja nun auch nen bisschen übertrieben. Wir einigen uns darauf die LADY mit dem mehreren hundert PS des Mutterschiffs aus der Situation zu befreien. „A cable around the Mast. No, we do not need that.“ „But we will destroy your cleats,“ „You won’t.“ Der Retter erkennt schnell, dass mit diesem Skipper nicht zu spaßen ist. „You are absolutly under control.“ „Yes, I am.“

Endlich haben die es kapiert. Ich sprinte in die Bilge und greife Papas alten Bolzenschneider. Ich muss zweimal ein Kettenglied schneiden. Wie ich es schaffe beim zweiten Mal bei den überbrechenden Wellen am Bug und der Dunkelheit das gleiche Glied zu treffen bleibt unklar. Irgendein Engel muss über der LADY stehen und uns beschützen. Das große Rettungsboot wirft eine Leine, eine Tampen folgt, ich lasse die Ankerkette von der Klampe durchrauschen und innerhalb 20 Minuten sind wir im Hafen, vorbei an der nicht befeuerten Hafeneinfahrt. Anna nimmt mit vielen anderen Helfern die Leinen an und schwupps sitzen wir im Partyraum der Sea Rescue Unit Hout Baai. Alle sind super nett, die ganze Hilfsaktion ist kostenlos und Bier und Zigaretten ebenso. Welcome to sailor friendly South Africa. Danke!

“Why you didn’t set a backstay sail. Just a squaremeter? It would had pushed your boat in the right direction easy.“ Ich schaue in die lebendigen blauen Augen von Anna und nehme sie in den Arm. „We never Stopp learning Anna. Love you too.“ Sie hat so recht, es hätte so einfach sein können, aber im Manöver des letzten Augenblicks verliert man eben doch manchmal die Gelassenheit zum „Erst Denken – dann tun!



  • 01:14
  • 17.03.2010
  • 34°03.01'S, 018°20.78'E
  • Hout Bay/South Africa
  • St. Helena
  • 20°/1014hpa
  • 14°
  • 25-70kn/SE
  • 0-4m

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