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Lichter am Horizont

Traum und Wirlichkeit

Von meinen Kindern und ihrer Welt habe ich ja seit 18 Tagen eher wenig. Ich kann nur von Glück sagen, dass ich die Chemo diesmal so gut vertragen habe, dass meine Leukos, also mein Immunsystem nicht ein einziges Mal so niedrig war, dass ich in Umkehrisolation musste. Die Tür war die ganze Zeit offen, jeden Tag gehe ich in den kleinen Garten der Cafeteria, trinken was, sündige ein Stück Kuchen, wenn vorhanden und labe mich an ein paar Sonnenstrahlen, die über die Dachkante der Kante der Straßenschlucht auf die Bank fällt. Es geht mir gut und ich habe das leicht trügerische Gefühl die Macht zu haben, wieder gewinnen zu können. Ich bin nämlich, eigentlich kein Verlierertyp. Diese Krankheit aber hat mir stark das Gegenteil gezeigt. Gut Gott, reicht jetzt. Habe ich verstanden.

MayaLena geben mir ihre volle Seemannskinderliebe, was heißt, daran gewöhnt zu sein, dass Papi zur See fährt und eben nicht da ist. Eine kleine Staffellei mit tausend Küssen, einem Smilie, steht als Glücksbringer zwischen den Wasserflaschen, die ich jeden Tag vertilge. Wasser, Wasser, Wasser trinken und die Krankheit ausschwemmen. Auf Station dürfen MayaLena sie eben nicht. Erst ab 14 Jahren und so lange will ich nicht bleiben. Auf’s Krankenhausgelände dürfen sie schon. Aber wollen, tun sie es nicht unbedingt wirklich. Also muss ich mit Eis-Einladung trumpfen um meinen Liebesanteil zu bekommen. Das klappt. Noch. Aber ich habe ja auch gar nicht vor, weiter so viele Wochen hier im Krankenhaus zu bleiben. Dr. Menzel, mein derzeitiger leitender Oberarzt besucht mich, drückt mir den Langzeitplan in die Hand, wo schwarz auf weiß drauf steht, dass ich spätestens Mitte der der Woche nach Hause kann um eine Pause zu machen. Ein Licht am Horizont taucht auf. Jetzt nur nicht zum Schluss doch noch ne Infektion bekommen. Brav Mundschutz tragen und alle Nase lang die Pfoten desinfizieren. Aufgrund der Tatsache, dass ich 200 Meter vom Krankenhaus entfernt wohne, mein Frau Ärztin ist, ich die Chemo so gut vertrage, und die Medikamente die nächsten drei Male sehr reduziert sind, munkelt der OA, dass er keinen wirklichen Grund sieht, mich dafür wochenlang im Krankenhaus zu haben. O.K. Auch das hört sich gut an, aber da will ich mir jetzt mal lieber keine Hoffnung machen, die nachher vielleicht zu einer großen Enttäuschung führt.

Was passiert eigentlich auf der MARLIN? Da passiert viel mehr, als ihr euch vorstellt. Schreiner Harry und sein team haben den gesamten Schiffsboden im Salon und den Kabinen abgeschliffen. Statt Lack, wo die ganze Zeit tropische Feuchtigkeit mit hässlichen Flecken drunter zieht, kommt da jetzt Öl drauf. Die Fensterrahmen, die Schlingerleisten, erfahren auch Liebe. Deckshaus und stb Achterkabine werden auch gestrichen. Lorenz, der Schiffsjunge, gehört mit zum Team und macht auch die Schrammen vom letzten Sturm weg. Unser Schiff soll schöner werden. Zwei Jahre, insgesamt 18 Crews hat die MARLIN von Ost nach West und den langen Weg zurück gebracht. Das geht nicht ohne Spuren an so einem Schiff vorbei. So bekommt Crew 19 mit dem Ziel Flensburg ein frisch renoviertes Schiff. Die Besatzung ist vollständig, ein Platz noch nicht ganz bestätigt, was sich aber finden wird, so wie immer. Ich bin ehrlich gesagt neidisch, dass Jan und Susan so eine tolle Crew haben und nicht ich den Schlag in den Ärmelkanal selber fahren darf. Auch das mit dem Verantwortung abgeben und einfach anderen mein geliebtes Schiff vertrauensvoll zu geben, ist schon schwierig genug, muss ich jetzt mal dringend lernen. Neben Susan werden wir auch auf diesem Schlag eine weitere Mitseglerin haben, die nette Dänin Bente. Hey! Das finde ich cool. Ihr Freund Micha kann stolz sein, so eine Charakterfrau an seiner Seite zu haben. Lars segelt mit, Markus, Matthias und hoffentlich Marc, der schon auf den Kapverden dabei war, findet Zeit sich für ein paar Tage vom beruflichen Erfolgskurs zu trennen. Man merkt, das sind eigentlich zu viele. In Portsmouth ist ein Crewwechsel geplant. Jetzt braucht die tolle Crew nur noch den richtigen Wind aus der richtigen Richtung. Das ist mein Job. Ich fange grade schon mal an, an den ganzen Knöpfchen. Ich dar den Wetterrouter machen. Man sieht, die Sturmfront ist durch. Es regnet noch, aber das nächste blaue Loch am Himmel ist am Horizont schon sichtbar. Kurs Glück und Gesundheit. Ein paar Jahre mehr sollen es wohl schon noch sein.



  • 23:59:00
  • 17.09.2016
  • 54°47.2500'N, 009°25.4600’E
  • -°/ -kn
  • Flensburg
  • Azoren / Horta
  • 18°C
  • -kn/VAR°
  • -m

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